Oft liegt man völlig daneben – Interpretationen und Bewertungen

Kommunikation ist ja „eigentlich“ nicht mein Thema, zumindest kein Seminarthema von mir. Aber als Trainerin muss ich mich natürlich trotzdem mit dem Thema Kommunikation befassen.

Ich habe natürlich auch schon von gewaltfreier Kommunikation gehört und gelesen, von aktivem Zuhören und den vier Seiten einer Botschaft etc., aber das blieb bislang doch recht abstrakt. Bei diesem Thema hatte ich noch mehr als bei anderen Themen den Eindruck: Das reine Wissen hilft rein gar nichts.

Ich muss es ganz konkret im realen Leben üben, in kleinen Schritten und immer wieder. Wahrscheinlich ist es dabei hilfreich, sich nur einen kleinen Aspekt vorzunehmen und den dann einige Wochen lang zu üben. Im eigenen Tun und beim Beobachten.

Wir sehen etwas und interpretieren sofort

Ein Aspekt fiel mir neulich einfach wieder verstärkt ins Auge (und keine Ahnung, ob er in den oben genannten Theorien irgendwie vorkommt): wie schnell wir interpretieren und bewerten.

Wir sehen etwas oder erleben eine Situation und sofort bewerten wir diese unbewusst. Aufgrund vorheriger Erfahrungen und Erlebnisse.

Mit der Interpretation geht auch sofort eine Bewertung einher, die mit Gefühlen begleitet ist. Solange das angenehme Gefühle sind, ist es kaum ein Problem, bei negativen tut es uns selbst aber nicht gut.

Beispiel: Geschlossene Augen

Ganz krass habe ich das selbst einmal erlebt. Als Kind bin ich gerne in Konzerte mit klassischer Musik gegangen und sonntags gab es immer ein Konzert zu Hause. Dann spielte mein Vater eine Schallplatte mit einer Sinfonie und wir saßen da, unbeweglich und mit geschlossenen Augen. Das war heilig. Da wurde nicht gesprochen oder nebenher geredet oder sonst was.

Ich kann bis heute Musik nicht als Hintergrundmusik ertragen.

Aber vor allem schließe ich die Augen. Und nicht nur bei Musik. Auch bei Vorträgen. Aus dem einfachen Grund: dann kann ich mich besser konzentrieren. Musik nehme ich dann viel intensiver wahr, mit dem ganzen Körper. Und bei Vorträgen hilft es mir eben auch, mich zu konzentrieren. Denn ich bin nicht sehr auditiv, es fällt mir schwer, lange Vorträge anzuhören, wenn sie nicht total brillant sind.

Interpretation und Bewertung

Ich weiß nicht mehr, ob es in einem Seminar oder Workshop oder Vortrag oder einem Konzert war. Jedenfalls meinte plötzlich einer, dass ich vor Langeweile wohl schon eingeschlafen sei. Und selbst als ich ihm erklärte, dass ich mich so besser konzentrieren kann und im Gegenteil sehr intensiv zugehört hätte, merkte ich, dass er mir nicht glaubte.

Er hatte selbst diese Erfahrung nie gemacht. Es war ihm fremd. Und in seinem Erfahrungshintergrund bedeuteten geschlossene Augen schlafen. Punkt.

Das ist jetzt nur ein harmloses Beispiel, zeigt aber, wie falsch wir oft liegen. Und wahrscheinlich machen wir das jeden Tag. Eine Nachbarin grüßt nicht freundlich, lächelt nicht dabei und schon denken wir, sie hat ein Problem mit uns. (Ok, das kennen wir von Watzlawick). Später erfahre ich dann, dass sie gerade riesige private Probleme oder beim Job hatte und in Gedanken völlig woanders war. Wie oft ist mir das umgekehrt wohl auch schon passiert?

Und nun?

Der Punkt ist, dass wir uns selbst damit unglücklich machen. Klar tun wir auch anderen damit oft unrecht, aber worum es mir vor allem geht: wir tun uns damit auch keinen Gefallen. Ich fühle mich mies, weil ich denke, die Nachbarin ist sauer auf mich und ich weiß nicht einmal warum. Oder denke, den anderen interessiert mein Vortrag nicht, dabei hat er besonders intensiv zugehört etc. etc.

Was kann man nun tun?

Wenn es in einer direkten Kommunikationssituation ist, kann man es freundlich ansprechen. Vielleicht auch als Frage formulieren.

Ansonsten sich selbst zurückpfeifen und sich klarmachen: das ist nur EINE mögliche Deutung der Situation, es kann noch tausend andere geben. Und es damit nicht einfach als gegeben hinnehmen und enttäuscht oder ärgerlich sein.

Buddhistische Sichtweise

Diese Sichtweise kenne ich vor allem aus dem Buddhismus. Dinge einfach wahrnehmen, ohne sie zu bewerten oder zu beurteilen. Das ist natürlich nicht einfach, aber man kann es eben üben.

Ich höre draußen einen lauten Bagger. Sofort schalte ich normalerweise meine Bewertung und Gefühle ein und denke innerlich: „O nein, so ein lauter Bagger. Das ist ja furchtbar. Da kann ich mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Muss der gerade jetzt das Loch in die Straße machen?“ usw.  Wenn dann noch gleichzeitig ein Nachbar anfängt zu bohren oder zu hämmern, fühle ich mich von der ganzen Welt verfolgt.

Stattdessen: da ist nur ein Bagger, der die Straße repariert. Und ein Nachbar, der ein Bild an die Wand hängt. Fertig! Ich könnte mich ja auch freuen, dass die Straße wieder glatt wird oder sich der Nachbar die Wohnung verschönert. Ich könnte es aber auch einfach nur registrieren als Dinge, die nun mal zum Alltag gehören – und meine Arbeit weitermachen. Ich bin sicher, dann höre ich den Bagger kaum noch, wenn ich mich auf etwas Anderes konzentriere und ihm von meiner Bewertung her nicht so ein Gewicht gebe.

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Soweit meine kleinen Gedankenimpulse.
Vielleicht fallen Ihnen auch entsprechende, womöglich sogar lustige Geschichten ein, wo sie etwas völlig falsch interpretiert haben?

Übung für eine Woche

Achten Sie mal eine Woche lang verstärkt darauf: wo bewerten und interpretieren Sie? Und wie geht es Ihnen, wenn Sie es einfach mal sein lassen und nur wahrnehmen: Es regnet. Da lacht jemand. Da lacht jemand nicht.

Und im direkten Kontakt, vielleicht erst einmal mit Freunden, nachfragen und klären, ob ihre Interpretation richtig war. Das wird sicher eine spannende Woche!

 

 


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