Intros und Extros – leise und laute Menschen

Wie regenieren Sie sich am besten nach einem Seminar oder Kongress mit vielen Kontakten und Begegnungen?  Was tut Ihnen gut, wenn Sie erschöpft sind? Brauchen Sie einen Rückzug und ein paar Stunden Ruhe und Alleinsein oder im Gegenteil, laden Sie neue Energie auf, indem Sie sich ins Getümmel stürzen und mit Freunden um die Häuser ziehen?

Das gibt einen entscheidenden Hinweis darauf, ob Sie eher ein Intro oder ein Extro sind.

Überraschende  Einsichten

Jahrelang stand das  Buch von Sylvia Löken „Leise Menschen- starke Wirkungungelesen in meinem Bücherschrank, weil ich glaubte, dass ich damit ja nun gar nichts am Hut habe.

Ich schätzte mich selbst als äußerst extrovertiert ein. Als Trainerin liebe ich es vorne zu stehen und zu reden, auch Workshops mit großen Gruppen auf Kongressen machen mir Spaß und mein Erscheinungsbild ist ja auch eher bunt und auffällig.

Bis ich mal zufällig auf die Äußerung einer Kollegin stieß, dass sie nun versteht, warum sie in Seminaren abends ihre Ruhe braucht. Um eben wieder neu Energie aufzutanken.

Gestern war ich mal wieder um 5:30 wach, meine Stunde Yoga hatte ich auch schon hinter mir und noch ½ Stunde Zeit, bevor ich ins Co-Working-Büro fahren konnte. Da nahm ich das Buch zur Hand – und war sofort gefangen.

Was bin ich denn nun?

Ich merkte schon sehr schnell, dass ich hier offensichtlich wie bei allen Persönlichkeitstest und auch bei den Lerntypen zwei Gegensätze in mir vereinbare. Und zwar nicht mit Tendenz zu einer Seite (wie es bei den meisten ist), sondern tatsächlich beide Extrem-Pole lebe.

Selbsterkenntnis hilft die richtigen Strategien zu finden

Das Wichtigste an dem Buch (ich bin wie gesagt noch am Anfang) scheint mir vor allem zu sein, dass man sich erstens besser versteht und damit auch nachsichtiger mit sich umgeht (dazu gleich ein Beispiel). Und wohl auch Strategien lernt, wie man in konkreten Situationen seinen Bedürfnissen gerecht wird.

Und nicht aus Unwissenheit oder falschem Anpassungsverständnis sich ständig Situationen aussetzt, die einen total anstrengen.

Bei der Autofahrt nach den ersten Seiten kamen mir nämlich auch sofort Beispiele in den Sinn.

Nach Präsenzseminaren bin ich platt

Ich bin in den letzten Jahren zunehmen nach zwei Tagen Präsenzseminar vollkommen platt. Eigentlich bräuchte ich danach einen freien Tag, den ich mir bislang natürlich nie gestattet hatte. Mitten in der Woche kann ich doch nicht einen Tag blau machen! Ich schob diese Erschöpfung auf mein Alter. Nun kam mir die Idee: das war wahrscheinlich schon immer so. Nur habe ich es früher nicht so wahrgenommen oder ignoriert. Seit meinem Burn Out vor einigen Jahren bin ich da einfach aufmerksamker und sensibler geworden.

Und es spielt auch überhaupt keine Rolle, ob das Seminar anstrengend war oder es mir total Spaß gemacht hat und eine super Gruppe war. Wenn ich nach dem Seminar im Zug sitze, geht die Luft raus wie aus einem Luftballon. Daher fahre ich weitere Strecken auch nicht mehr mit dem Auto, weil ich mich da viel zu sehr konzentrieren muss.

Ich wandere lieber nur zu zweit oder alleine, nicht in Gruppen

Ein anderes Beispiel kam mir in den Sinn. Ich gehe ja fast jeden Sonntag wandern. Anfangs immer mit Freunden und Freundinnen. Eine hat die Neigung, immer möglichst viele Menschen um sich zu scharen. Ob wir uns zum Spielen treffen oder eben zu einer Wanderung. Ich habe lange mit mir gerungen bis ich ihr ganz klar gesagt habe: „Bitte bringe nicht einfach ohne vorherige Absprache noch andere Freunde zum wandern mit.“ Und schließlich habe ich es mir eingestanden und ab da auch klar kommuniziert: „Ich wandere am liebsten zu zweit.“ Dann sind zum einen die Gespräche viel intensiver und persönlicher, da mich mit jedem etwas anders verbindet. Und zum anderen kann man auch länger einfach mal schweigen, einer läuft vor, der andere macht Fotos. Denn gerade das alleine laufen macht mir den Kopf frei.

Daher gehe ich hin und wieder auch bewusst einen Tag alleine wandern, weil das noch mal eine ganz andere Qualität hat. Und wunderte mich über die Glücksgefühle, die ich oft dabei hatte. Nun verstehe ich es.

Als drittes Beispiel kam mir in den Sinn:

Online-Seminare sind ideal für mich

Dann sind Online-Seminare auch deshalb wahrscheinlich so ideal für mich. Ich kann in Ruhe alleine zu Hause arbeiten. Im Forum kann ich mit jedem Teilnehmer intensiv einzeln arbeiten, was mich viel mehr befriedigt als bei einem zweitägigen Präsenzseminar, wo ich mehr mit der Gruppe arbeite.

Weitere Merkmale:
Ich vertrage absolut keine Musik beim Arbeiten oder auch nicht beim Lesen, ich liebe es in meinem Home Office den ganzen Tag ungestört ohne Termin arbeiten zu können. Geräusche lenken mich sehr ab.

Erste Ergebnisse

Was mir das Buch also schon nach wenigen Seiten gebracht hat: Mich nicht weiter dafür zu verurteilen oder gar als egoistisch zu beschimpfen, wenn ich beispielsweise einer Bekannten absage, weil sie mitwandern wollte, als ich schon verabredet war. Zum Glück hat sie auch direkt geantwortet, dass sie das versteht, dass ich lieber zu zweit gehe. Aber vor allem fühle ich mich jetzt nicht mehr „böse“, sondern weiß einfach, dass es mir so eben gut tut. Und meine Sonntage und die Wanderungen brauche ich zur Regeneration, da ich immer noch sehr viel arbeite. Oft 10 Stunden am Tag. (Ich war da schon mal besser, sprich habe weniger gearbeitet).

Längere Aus-Zeit im Ausland

Wahrscheinlich spielen auch meine Türkei-Aufenthalte eine ähnliche Rolle. Ich finde es nicht nur total heilend, dass ich dort immer in der Natur und an der frischen Luft bin. Sondern auch, dass ich mich da oft auf nur eine Arbeit konzentriere. Entweder nur ein Buch schreibe oder eine Online-Fortbildung mache oder selbst ein Seminar oder Coaching dort durchführe. Ich habe nicht so viele Ablenkungen und Projekte gleichzeitig wie zu Hause.
Klar lese ich da auch E-Mails, aber telefonisch bin ich nur nach Absprache über Skype erreichbar. Und mit der räumlichen Distanz vom Alltag zu Hause und den Alternativen (wandern in den Bergen oder am Strand Yoga machen oder lesen :-)), verschieben sich die Prioritäten leichter.

Nun bin ich auf die weitere Lektüre noch gespannter. Vielleicht nehme ich das Buch sogar mit in die Türkei, wo ich eben auch mehr Muße habe, Fachbücher zu lesen als im sonstigen Alltag.

Aber nun packe ich erst einmal den Koffer für den Trainer-Kongress in Berlin, wo ich dann wieder 2 Tage lang meine Extro-Seite auslebe, vor allem in meinen eigenen Workshops, wo sich über 60 Teilnehmer angemeldet haben. Aber vielleicht  werde ich auch zwischendurch mal einen Workshop-Besuch  ausfallen lassen und mich in eine stille Ecke setzen? Diesmal ganz bewusst und ohne schlechtes Gewissen, weil ich intromäßig meine Energien wieder auftanke.  Denn abends ist auch noch Programm- und netzwerken gehört ja dazu.


Kommentare

Intros und Extros – leise und laute Menschen — 5 Kommentare

  1. Liebe Zamyat,
    mein letztes zweitägiges Präsenzseminar war erst Freitag/Samstag. Zum Glück hatte ich nur 10 Minuten Fahrtweg. Freitags habe ich mir einen Cappuccino und die Couch gegönnt – dann war ich zwei Stunden später völlig alle. Samstags bin ich anschließend joggen gegangen und habe noch den ganzen Abend in der kleinen Familienrunde mit Besuch gequatscht. Also – auch bei mir gilt: Sauerstoff und Bewegung – und zwar alleine – sind die besseren Auftankmethoden. Dennoch – dass der Sonntag anschließend frei war, fand ich optimal.
    Viele Grüße Heike

    • Liebe Heike,

      das war auch einer der Dinge, die ich über die Jahre gelernt habe: die Sonntage eisern frei zu halten, auch als ich noch nicht jeden Sonntag wandern ging. Ich lege grundsätzlich Seminartermine erst ab Dienstag, so dass ich erst Montag anreise. Sonst war der Sonntag oft schon durch die Anreise kaputt, da bin ich inzwischen eisern und sage eher Aufträge ab, als dass ich mich auf den Montag als ersten Seminartag einlasse. Meistens lässt es sich dann doch ändern.
      Auch Freitage vermeide ich möglichst, weil da nachmittags oft die TN früher weg wollen und schon so halb auf dem Sprung sind. Aber das ist ein anderes Thema 🙂

  2. Liebe Zamyat,
    was für eine schöne Überraschung – Danke für diesen persönlichen Text und für die Resonanz zu meinem Buch. Du machst deutlich, was das Knifflige ist: Wir sind alle Mischungen aus einzelnen intro- und extrovertierten Eigenschaften.
    Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute beim Entdecken Deiner „leisen“ Eigenschaften. Und wie das Beispiel Online-Seminare zeigt: Gerade auch sie machen Dich zu der coolen, erfindungsreichen Trainerpersönlichkeit, die Du bist…
    Viel Spaß in Berlin, herzliche Grüße
    Sylvia

    • Liebe Sylvia,

      ja, ich bin sehr gespannt auf die weitere Lektüre – und erinnere mich immer noch gerne an unser erstes (und bisher einziges?) Treffen im Kameha in Bonn.
      Ich werde dann sicher noch mehr darüber schreiben, wenn ich es weiter gelesen habe. Ich denke wirklich, dass wird eine gute Lektüre für meinen nächsten Türkei-Aufenthalt, der ja schon vor der Tür steht.

  3. Pingback: Als Trainer-Oldie noch Fortbildungen machen? - Zamyat-Seminare

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