Booh, ich hab Schiss

Es gibt hin und wieder Situationen in einer Trainerkarriere, wo uns die Muffe geht. Weil es ein ganz neuer Kunde ist, ein sehr großes Unternehmen, eine neue Zielgruppe von einer Ebene, die wir bisher noch nicht bedient haben (Vorstände, Direktoren) oder oder…

Ich erinnere mich noch sehr gut an mein allererstes selbstakquiriertes Firmenseminar.
Vorher hatte ich zwar schon viele Jahre Seminare durchgeführt, für Lehrer, Ausbilder und Sozialpädagogen in der beruflichen Ausbildung. Aber noch nicht in Unternehmen.

Und nun hatte ich einen Auftrag für eine ganz neue Zielgruppe. Das Thema „Zeitmanagement“ hatte ich zwar schon öfter durchgeführt, aber nicht mit Mitarbeitern eines solch großen Logistikunternehmens.

Die Personalentwicklerin hatte bei mir  ein Coaching gemacht und mich gefragt, ob ich solch ein Seminar für Ihre Mitarbeiter durchführen würde. Die Teilnehmer waren nur Männer und die arbeiteten unter Bedingungen, wo klassisches Zeitmanagement alleine nicht hilft.

Ich war schlicht und ergreifend höllenaufgeregt. Ich habe es wirklich wochenlang vorbereitet und ich weiß nicht, wieviele schlaflose Nächte ich hatte.

Ergebnis

Das Seminar ist sehr gut gelaufen! Es hat mir Mut gemacht für meine weiteren Seminare, weil ich mich trotz aller Ängste getraut habe, genau so zu arbeiten, wie ich auch vorher gearbeitet habe. Mit Aktivierungen und Spielen,  mit kreativen Seminarmethoden – und eben sehr viel Vorbereitung.

Hilfreiche Strategien

Die folgenden Empfehlungen gelten natürlich im Grunde für jedes Seminar. In so einem Fall aber ganz besonders.

  1. Gründliche Informationen einholen

Ich nehme mein konkretes Beispiel: Mitarbeiter eines Transportunternehmens an einem Flughafen.

Da gab es einige Besonderheiten. Sie arbeiteten im Schichtdienst. Es gab immer wieder unplanbare Situationen. Wenn zum Beispiel wegen Nebel ein Flugzeug nicht landen kann, sondern erst später. Das kann man mit normalem Zeitmanagement nicht regeln.

Ich habe mir also einiges über die konkrete Situation erklären lassen. Vor allem bin ich aber vorher dorthingefahren und habe mir die Arbeitsplätze zeigen lassen und mit einigen zukünftigen Teilnehmern gesprochen. Was ihre besonderen Probleme sind.

Zudem habe ich mir von einigen Teilnehmern einen konkreten Tagesablauf schicken lassen. Einen Beispieltag, was so alles an Arbeiten anfällt. Da wurde mir erst mal schlecht (oje, wie soll ich denen da helfen können?), machte mir aber so richtig klar, worum es bei dem Seminar eigentlich geht.

Das alles war für mich total hilfreich und ich konnte mich so in meiner Planung darauf einstellen.

  1. Ausführliches Briefing

Da ich die Personalentwicklerin schon aus dem Coaching kannte, hat sie mir sehr ausführlich und konkret die Probleme der Mitarbeiter erläutert. Auch, was bei früheren Fortbildungen gut angekommen ist und was nicht.

Vor allem aber auch, was die Bedürfnisse und Erwartungen an das Seminar sind.

  1. Gute Vorbereitung

Ich habe mich vorbereitet wie ein Weltmeister. Und zu dem, was ich zum Thema schon hatte, Alternativen überlegt für diese besonderen Situationen. Denn es waren zwangsweise viele „reaktive Aufgaben“, bei denen Zeitmanagement laut Literatur nicht greift.
Wie konnte ich Ihnen trotzdem helfen?

  1. Authentisch bleiben

Trotz großem Schiss habe ich in meiner Planung wie immer Aktivierungen und Energizer aufgenommen.
Mir auch noch eigene Dinge speziell für dieses Seminar ausgedacht.

So hatte ich auch (zum Glück) vorher den Seminarraum in seiner Hässlichkeit besichtigen können und gesehen, dass rundherum Tische mit PCs und Monitoren standen. Was zum einen hässlich und nicht suggestopädisch war, zum anderen erfuhr ich, dass die Kollegen zwischendurch immer ihre E-Mails checken.

Da suchte ich nette Sprüche zu Zeitmanagement, schrieb sie auf bunte Kartons, die ich auf die Monitore klebte.

(Foto ist aus einem anderen Seminar mit einem sehr hübschen Seminarraum :-), damals hatte ich noch keine Digitalkamera und kein Handy :-)).

Und siehe da: Die Teilnehmer fanden zum einen die Sprüche auch witzig und nett. Zum anderen schaute niemand nach E-Mails, sondern alle machten intensiv mit.

Zwischen all der intensiven Arbeit schob ich auch wie immer meine Energizer und Spiele ein- und sie machten alles mit, inklusive Indianertanz.

Am Ende erhielt ich von einem (vorher sehr kritischen) Teilnehmer das Feedback: „Das war die erste Fortbildung, die mir wirklich in meiner Situation geholfen hat und bei der ich was nützliches und brauchbares gelernt habe“.

  1. Den Nutzen der Teilnehmer im Auge behalten

Diesen Punkt konnte ich nur erfüllen, weil ich mich so gründlich vorbereitet hatte. Wäre ich da nur mit meinem klassischen Programm aufgelaufen, hätte es in die Hose gehen können.

Da ich aber um die extremen Arbeitsbedinungen wusste, konnte ich mit den Teilnehmern gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen.

Es war ein ungeheuer intensives und sehr arbeitsreiches Seminar. Aber es hat allen, mir und den Teilnehmern, auch viel Spaß gemacht.

Und mir den Grundstein gelegt für das Vertrauen, dass ich auch meine „verrückten“ Methoden in Firmen einsetzen kann. Wenn die Teilnehmer eben erleben, dass das keine „Spielchen“ sind, sondern im Gegenteil helfen, sehr intensiv zu arbeiten und fit und konzentriert zu bleiben. Und gleichzeitig die Stimmung enorm verbessert.

Ich denke sehr gerne an dieses Seminar zurück und mache daher weiterhin auch Seminare, vor denen ich erst mal Schiss habe. Auch wenn sie mehr Vorbereitung erfordern.

Doch Sie erhöhen mein Selbstvertrauen, locken neue kreative Kräfte hervor, erweitern mein Spektrum und meinen Horizont und halten das Trainerleben spannend. (Siehe auch: Langweilig: Immer das gleiche Thema“).


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